Nachtrag: Von der Kaaba zum Mond und wieder zurück

23. Oktober 2012

„Nur Gott schafft richtige Bilder, wir können keine machen, wir können sie nur finden. Wir können die Formen der Dinge suchen, und wenn wir Glück haben, auch finden.“*

Diese schönen Worte stammen von Bruder Mahmud Bodo Rasch. Er ist ein findender Architekt, kein schaffender. Nur Allah alleine erschafft und lädt uns Menschen dazu ein, wachsam zu sein und zu finden. Und Mahmud ist ein solcher Finder, ein besonders begabter sogar! Bruder Rasch arbeitet seit vielen Jahren für die heiligen Stätten des Islam und hat in der Vergangenheit viele wundervolle Projekte realisiert, die den Pilgern Jahr für Jahr die Hajj enorm erleichtern! Projekte, deren Ästhetik eine Symbiose mit der Wissenschafft eingegangen sind. So hat er beispielsweise in Madinah die Schirme entwickelt, die sich automatisch ein- und ausfahren. Mittlerweile sind das 250 Schattenspender an der Zahl, die eine Fläche von 200’000 qm vor der Hitze der Sonne schützen. Zudem ist er auch für das motorisierte Fahrgestell aus Stahl verantwortlich, das die 27 Kuppeln der Prophetenmoschee lautlos in 70 Sekunden öffnet oder schließt. Eine Kuppel umfasst 400qm Fläche und wiegt 80 Tonnen!

Und warum erzähle ich euch das? Ganz einfach: Mit diesem besonderen Menschen haben wir uns getroffen! Wo? Vor einem seiner jüngsten Projekte: dem Zamzam-Tower, einer Mischung aus Einkaufspassage, Hotel und wissenschaftlichem Zentrum. Der Turm ist nicht ganz unumstritten unter den Pilgern, ragt er doch als zweitgrößtes Gebäude der Welt mit seinen monströsen 601 Metern derart weit über alles Andere hinweg, dass daneben das Übrige – speziell die Kaaba, das größte (spirituelle) aller Bauten – in seiner verhältnismäßigen (materiellen) Winzigkeit zu verschwinden scheint. Man mag dazu stehen, wie man möchte: jetzt ist es da! Bruder Rasch nennt es ein „Minarett des Haram“. Das ist vielleicht ein akzeptabler Kompromiss!

Gemeinsam sind wir mit dem Aufzug auf ca. 400 Meter Höhe gefahren. Wir finden uns in einem Museum wieder, das über die Entstehung des Zamzam-Towers und dessen technischen Raffinessen berichtet. Dort erfahren wir, dass die weltweit größte Uhr, mit einer Kantenlänge von 43 Metern, verbaut wurde, mit begehbaren Zeigern aus Karbonfaser. Zudem sind drei Atomuhren verbaut, die ihr Signal ausstrahlen und in den internationalen Standard zur Zeitberechnung mit einfließen.  Teilweise sind auch originalteile der Uhr ausgestellt: Dicke Zahnräder und riesige Motoren. Auf einer großflächigen Aussichtsplattform sitzen wir noch mit Bruder Rasch, der uns ein wenig Einblick gewährt in die nahe Zukunft der architektonischen Veränderungen Makkas. Beispielsweise sollen in den nächsten Jahren Schirme, ähnlich denen in Madinah, aufgestellt werden.

Es geht weiter: Erneut führt uns Fahrstuhl in das nächste Stockwerk, eine Art Schaltzentrale, noch eine halbe Baustelle, von der aus später jede Menge Daten und Fakten generiert werden sollen. Von dieser Ebene aus müssen wir uns in Fahrstuhl Nummer drei quetschen. Der funktioniert noch nicht ganz richtig. Oben drauf sitzt deshalb ein Mann, der wohl den ganzen Tag nichts anderes macht, außer Fahrstuhlbedienung. Ein paar Stockwerke darüber: Baustelle. Von dort aus – wir befinden uns nun in der goldenen Spitze des Turms, die im Halbmond mündet – müssen wir zu Fuß weiter. Eine Wendeltreppe, die mir Gänsehaut bereitet. Denn links und rechts – nicht abgesichert – blicke ich streckenweise durch offene Stellen in der Außenwand circa 600 Meter in die Tiefe…

Oben angekommen: Eine Luxussuite entsteht, Echtholzboden, teilweise mit Leder bezogene Wände, mehrstöckig, unbeschreiblicher Ausblick durch Bullaugenartige Fenster. Einige von uns haben noch ihr Mittagsgebet zu verrichten. Wer kann schon von sich behaupten, auf dem Mond gebetet zu haben 🙂

Nach kurzem Verweilen geht’s wieder nach unten. Wir machen uns mit dem Taxi auf den Weg zurück ins Hotel. Ein spannender Ausflug, der mit gemischten Gefühlen zu Ende geht.

*Zitiert aus Islamische Zeitung, 06.11.2002: http://www.islamische-zeitung.de/?id=2092