Der Tag der Tage …

24.-27.10.12

24.10.12
Nun ist es also so weit! Unsere letzten Vorbereitungen sind getroffen. Wir brechen auf nach Mina, der nahegelegenen Zeltstadt, die ausschließlich zur Hajjzeit von vielen Millionen Pilgern bevölkert wird.

Das uns zugewiesene Zelt entspricht genau den minimalistischen Maßen, wie sie uns in den Seminaren angekündigt wurden. Die Theorie ist in der Praxis jedoch deutlich härter und schwerer zu ertragen: knapp ein Quadratmeter Platz hat Mina die erste Nacht für jeden von uns zu bieten – das ist sehr wenig und fordert enorm viel Geduld. „Wenn es um ein Recht geht, dann denkt als erstes an euer Gegenüber. Geht es um eine Pflicht, dann fühlt euch als erstes angesprochen“, gab uns Muhammad Siddiq vor der Reise als wertvollen Schlüssel zur erfolgreichen Hajj mit auf den Weg. Die nächsten Tage werden nun zeigen, ob wir unseren inneren Trieb dazu bewegen können, entgegen sein Begehren, für das Wohl unserer Geschwister zu Handeln und nicht nur für das Ich. Die wenige Zeit, die wir haben, bereiten wir uns auf den Tag der Tage vor: ‚Arafah.

25-27.10.12
Heute ist der Tag von ‚Arafah, der wichtigste Tag im Leben eines jeden gottergebenen Menschen. Der Tag, an dem Allah, der Erhabene, seinen Dienern alle seine Sünden vergibt. Der Tag, aus dem der Muslim wie neu geboren hervorgehen wird. Ein besonderer Tag – die Krönung der Hajj. Hier entlädt sich die gebündelte Sehnsucht aller Herzenswünsche, die sich über manch ein Menschenleben hinweg gehäuft haben.
Unser Zelt in Mina liegt etwas weiter entfernt von ‚Arafah als im Vorjahr, wir haben demnach einen 13 km Fußmarsch vor uns. In der Früh laufen wir los. Bereits wenige Minuten nach Sonnenaufgang, brennt eine schier unerträgliche Hitze auf unsere Körper hinab. Tausende Menschen sind mit uns, selbst die Kleinsten, zumeist schlafend an die Schultern ihrer Eltern gelehnt, alle weiß in weiß gekleidet mit zwei schlichten Tüchern. Wie wird es am Tag der Wiederauferstehung sein? Wie wird es um uns stehen?

Viele Stunden später kommen wir erschöpft in der Wüstenstätte an. Nach einer kurzen Ansprache haben wir bis zum Abendgebet Zeit, mit uns abzurechnen. Wie haben wir gelebt? Haben wir je bewusst nach unserem Schöpfer gesucht? Haben wir uns jemals gefragt, was unser Schöpfer von uns möchte? Oder haben wir gelebt, als gäbe es nach dem Tod kein Leben mehr? Waren wir Egoisten auf einem unbefriedigten Weg zur Selbstverherrlichung, ohne Rücksichtnahme auf Andere? Haben wir uns von unseren Trieben steuern lassen und allem nachgegeben, wonach es ihnen dürstete? Lebten wir in einem sich ständig wiederholenden Kreislauf eines zur Normalität gewordenen Alltags, in dem der Konsum zu einer letzten „spirituellen“ Lichtung avancierte? Ja Allah, bitte vergebe uns alle unsere Verfehlungen und lasse den schönsten unserer Tage den sein, an dem wir vor dir stehen werden, amien!

Nach dem Sonnenuntergang endet der Wuquuf, das Stehen vor Allah! Nun heißt es wieder: warten auf die Busse. Die erste Prüfung, die uns als Neugeborene begegnet. Gegen 00:30 Uhr können wir los. Die Busse bringen uns direkt nach Muzdalifah. Dort übernachtete der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, unter freiem Himmel, ohne Zelt, ohne jeglichen Komfort. Auch dieses Jahr nehme ich mir wieder einen leeren Karton mit, den ich am Strassenrand in ‚Arafah finde. Muzdalifah hat einen steinigen Wüstenboden. Der Karton soll mir als Matratze dienen. Zudem sammeln wir kleine Steinchen, um den Tag darauf die große Säule zu steinigen, Dschamaraah al Kubra. Die Säulen markieren jene Stellen, an denen Ibrahim damals den Teufel vertrieb, als dieser ihn verführen wollte. Nach dem Morgengebet begleite ich die Gruppe der älteren und schwachen PilgerInnen, gemeinsam mit dem Amir Abu Omar. Während die erste Gruppe den Weg nach Mina zu Fuß zurück legt, warten wir auf unsere Busse. Wenn über eine Million Pilger gleichzeitig auf Busse warten, kann das, bei steigender Hitze, zur abermaligen Geduldsprobe werden.

Gegen 09:30 Uhr haben wir es dann, alhamdulillah, geschafft. Nach wenigen Minuten Fahrt sind wir wieder in unserem Zelt in Mina. Von dort aus gehen wir gegen 16:00 Uhr zu Fuß zu den Dschamaraat, um die große Säule zu steinigen. Leider habe ich es aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr nach Makka geschafft. Deswegen bekomme ich hier meine Haare geschnitten. Unsere Opfertiere wurden geschlachtet. Wir treten aus dem Weihezustand wieder aus. Wie einen alten Körper streife ich völlig entkräftet die schmutzig verstaubten Pilgergewänder von meinem Laib. Ich dusche mich, ziehe mir ein frisches, weißes Gewand an. Ich bin neu geboren.

In Mina beginnt nun eine Zeit des Gottesdienstes und des liebevollen Miteinanders. Das einzige Hajj-Ritual besteht in der Steinigung der drei Säulen, bis zum 29.10.12. Ansonsten führen wir unsere Unterrichte fort, die bereits in Madinah begonnen hatten.

Wir sind erleichtert, gerührt, glücklich und tief beeindruckt von all den Eindrücken, die wir zu verarbeiten hatten und haben werden… Möge Allah unsere Hajj annehmen, uns vergeben und uns im Paradies vereinen, wie er uns hier vereinte, amien, amien, amien!

Wie sehr man sich auch auf diese Reise vorbereitet, wie viele Bücher man auch lesen mag oder Seminare über die Hajj besuchen wird: Am Ende ist die Hajj immer eine Begegnung mit einem unbekannten Menschen: sich Selbst. Denn auf der Hajj stößt jeder an seine physischen und emotionalen Grenzen. Hier spielt es keine Rolle, wer du warst oder wer du bist, was dich vielleicht vor anderen auszeichnet oder schlechter stellt. Hier wirst du dazu gezwungen, einfach nur Mensch zu sein. Hier wird dir ein Tor geöffnet, das dich tief in dein Inneres blicken lässt. Hier stößt du unangekündigt auf deine Schwächen aber auch Stärken… Die Frage, die nun darüber entscheidet, wie sich dein neu entdecktes Ich auf dein Leben auswirkt, ist einfach gestellt: Wie wirst du im Augenblick der größten Erschwernis, dann, wenn du deine ganz persönliche Grenze erreicht hast, reagieren? Wirst du geduldig sein, deinen inneren Trieb bändigen, den inneren Schrei, die Wut, Angst oder Verzweiflung, das impulsive Treiben in dir kontrollieren, es dadurch schwächen und erziehen können? Oder gibst du dich diesem Trieb hin, wirst laut, kannst dich nicht mehr beherrschen? Hajj ist anstrengend. Oder anders: Hajj muss anstrengend sein!

Auf die Frage, was die Hajj ist, werde ich Antworten: Die Hajj ist mit all ihren Riten eine Metapher, ein Sinnbild für den jüngsten Tag, eine Erinnerung an den Tod, ein Vorgeschmack auf das Jenseits. Denn zur Hajj, gleich dem Tage des Gerichts, versammelt sich die ganze Menschheit, alle Nationen, alle Kulturen, alle Farben, Vielfalt, das Wunder der menschlichen Schöpfung. Wir tragen das Pilgergewand, zwei weiße Tücher, gleich dem Totenkleid. Nichts unterscheidet uns voneinander, außer unserer Beziehung zu Allah. Es ist Heiß, wir schwitzen, wir warten, wir leiden, wir Hoffen, sind erleichtert, wir lieben, weinen, schreien, sind verzweifelt, ängstlich, bereuen. Und dann, wenn wir gestorben sind, angesichts unserer Taten, werden wir unseren Schöpfer anflehen: „Mein Herr, bringe mich zurück, auf dass ich rechtschaffen handele in dem, was ich hinterlassen habe.“ (23:99f) Aber dann wird es zu spät sein. Die Antwort auf unser Bitten wird lauten: „Keineswegs! […] Hinter ihnen wird ein trennendes Hindernis sein bis zu dem Tag, da sie auferweckt werden.“ (23:99f) Es ist zu spät. Es wird dann kein zurück mehr geben, unsere Chance ist vertan… Und hierin liegt wohl die Weisheit, der entscheidende Unterschied, der die Hajj zu einem unermesslichen Schatz werden lässt. Denn nach ´Arafah, nach unserem flehen und weinen ist es gerade so, als würde Allah, der Erhabene, sagen wollen: Du willst wieder zurück, neu anfangen, es besser machen, einen zweiten Versuch? Nun gehe zurück, gleich einem Neugeborenen, sündenfrei, und beweise mir, dass du deine Bitte, die du mir am jüngsten Tag stellen wirst, erfüllst! Hier hast du deine zweite Chance!

Möge Allah uns vergeben und uns diese Chance erkennen und wahrnehmen lassen. Mögen wir als Neugeborene zurückkehren, stetig an unserem Charakter arbeiten und zu den wahrhaftig gottergebenen zählen und als solche zu unserem Herrn zurückkehren. Möge so die Begegnung mit unserem Schöpfer zu dem glücklichsten unserer Tage werden…