Labbayk Allahhumma labbayk …

20.-22. Oktober 2012

Nach dem Frühgebet sollte es also von Madinah aus weiter gehen mit unserer Reise. Weiter mit der Busfahrt nach Makka? Nein! Vielmehr mit der weiteren Ausübung von Geduld.

Denn unsere Busse hatten Verspätung, mehrere Stunden. So standen wir mit unseren Koffern vor der Straße  unseres Hotels und mussten warten… Mit dem verspäteten Eintreffen der Busse ging gleich die nächste Prüfung einher. Die Busse waren alt und viel zu klein, boten keinen Fuß- und Stauraum. Das Handgepäck musste im Gang und auf den Schössen der Pilger die Reise antreten. Die Busse werden von einer zentralen Verwaltungsstelle aus den verschiedenen Hajjorganisationen per „Zufallssystem“ zugeordnet. Die einzelnen Organisationen wissen bis zu dem Zeitpunkt der Ankunft der Busse selbst nicht, ob sie Klapperkisten oder Luxus-Busse bekommen werden. Die meisten von uns nahmen es gelassen. In den Hajj-Seminaren vor Reisebeginn wurden wir genau auf diese Situationen vorbereitet.

Nachdem unsere Koffer geladen waren, ging es mit viel Spannung, Vorfreude und Emotionen los in Richtung Makka. Unterwegs mussten wir jedoch an einer wichtigen Stelle halt machen: am Mieqaat, der Grenze zum heiligen Gebiet. An dieser Stelle müssen die Pilger in den Ihram-Zustand eintreten (Weihezustand). Nichts, außer zwei weiße, schlichte Tücher, dem Pilgergewand, umhüllen nun unsere Körper und werden auch noch die folgenden Tage unsere einzigen Kleidungsstücke sein. Banker und Bettler sind nun nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Alle Äußerlichkeiten verlieren sich in Belanglosigkeit. Im Zentrum aller Kommunikation stehen ab jetzt nur noch das Menschsein und die Beziehung zu Gott…

Wieder in den Bussen zurück, beginnen wir mit dem Sprechen der Talbiyah. Die Talbiyah ist Ausdruck der vollständigen Hingabe in den Willen Allahs. Durch den Ihram-Zustand wird das Gefühl, sich auf der Reise zu ALLAH zu befinden, noch verstärkt. Denn die zwei weißen Tücher werden auch unser Totenkleid sein. Das sich Auflösen im Willen Allahs äußert sich für viele von uns durch stille Tränen, die Zeugnis ablegen für einen Teil unserer Vergangenheit, den wir mit dieser Reise hinter uns lassen…

In unserem Hotel in Aziziah, 400 km später, müde und erschöpft aber gleichermaßen voller Sehnsucht und Freude, legen wir unser Gepäck ab und machen uns etwas frisch. Denn schon bald dürfen wir sie besuchen, die Kaaba, den Mittelpunkt, das Zentrum all unserer Hinwendung, das erste Gotteshaus, das je erbaut wurde!

Gegen 23:00 Uhr kamen die Busse, die uns ins Haram bringen sollten. Während der Fahrt war die Talbiyah unser Begleiter, die Kaaba unser Ziel. Ich bin Allah, dem Erhabenen, so dankbar, wieder zu Hause sein zu dürfen. Angekommen bei der Moschee, schließt meine Frau ihre Augen. Ich führe sie im untersten Stockwerk bis an den äußersten Rand des überdachten Teils der Moschee. Dieser mündet in einer kleinen Treppe, die den Pilger in den Innenhof hinab führt, in dessen Mitte die Kaaba steht, die von tausenden Pilgern umrundet wird. Ich sage ihr, dass sie nun die Augen öffnen kann. Wir stehen gemeinsam betend vor dem heiligen Kubus und nehmen auf, was wir erfassen können. Ist die Kaaba nicht wunderschön!

Mit dem Tawaf, dem siebenmaligen Umschreiten der Kaaba, beginnen unsere ersten Riten, die mit dem sogenannten Sa`i, dem Laufen zwischen den Hügeln Safa und Marwa (ggf. noch mit dem kürzen der Haare) für heute enden. Alle Riten beinhalten einen unermesslichen Schatz an Weisheiten, von dem zu profitieren, neben der einfachen Ausführung der Pflichten, notwendiger Bestandteil einer tiefen spirituellen Erfahrung während der Hajj ist. So kann beispielsweise der Tawaf sinnbildlich als ein sich Einfügen in den harmonischen Kreislauf der Schöpfung mit ihrer Umwelt verstanden werden kann. Der Mensch tut dies im Gegensatz zum Rest der Schöpfung auf der Basis seines Bewusstseins und seines freien Willens. Die Kaaba, als Symbol für den Monotheismus und den Dienst an den einen Gott, ist nun der Mittelpunkt der „Kreisbahn“ des Pilgers. Sein Leben dreht sich fortan um Allah und nicht mehr nur um sich selbst.

Die Zeit in Aziziya ist ansonsten in erster Linie eine Zeit der Erholung und des Krafttankens. Es gibt viele Vorträge, die uns auf die nun anstehende Hadschzeit einstimmen; morgen, am Mittwoch, machen wir uns bereits auf den Weg nach Mina, der Zeltstadt, von der aus die Riten der Hadsch vollzogen werden.